Leinenpflicht ist keine Lösung!

Die Problematik des „unerwünschtes Jagdverhaltens“ ruft Tierschützer, Jäger und Förster, Verwaltungsmitarbeiter von Städten und Gemeinden sowie Hundehalter und Hundeliebhaber auf den Plan – und meist endet dies in emotionalen und hitzigen Diskussionen. Thomas, Beirat im Verein "Verantwortung Hund e.V", Jagdhundeführer und Förster a.D. hat  aus seiner Warte Folgendes zum Thema beizutragen:     
"Rechtliche Vorgaben: Die Tierschutz Hundeverordnung (TierSchHuV) regelt für das Halten von Hunden durch Mindestvorgaben den tierschutzgerechten Umgang mit Hunden. Demnach ist einem Hund außerhalb des Zwingers oder der Anbindehaltung ausreichend Auslauf im Freien zu gewähren (§2Abs1 TierSchHuV). Der Hundehalter hat dafür zu sorgen, dass die wesentlichen Grundbedürfnisse seines Hundes befriedigt werden. Hierzu gehören neben einer angemessenen Unterbringung, Pflege, Ernährung, sozialen Kontakten insbesondere auch Bewegung und Erkundung, also eine artgerechte Beschäftigung. Die Möglichkeit des Tieres zur artgemäßen Bewegung darf nicht so eingeschränkt werden, dass ihm vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden (§1TierSchG). Ein Hund darf weder überfordert noch unterfordert werden.
Würde man einen Hund also nur an der Leine ausführen wäre er in seiner artgemäßen Bewegungsfreiheit derart eingeschränkt und unterfordert, dass ihm vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt würden. Das Zurückdrängen dieser Grundbedürfnisse ist tierschutzrelevant und kann zu übersteigertem Angriffs-, Abwehr-, und Angstverhalten führen. Zerstören von Gegenständen, notorisches Bellen, Leinenaggressivität bis hin zu Verhaltensstörungen sind mögliche Folgen. Es sollte nicht schwer fallen diese Zusammenhänge zu verstehen.
Andererseits häufen sich Meldungen von gehetzten und gerissenen Wildtieren. In vielen Fällen sind freilaufende Hunde die Ursache. Das Bundesjagdgesetz umfasst den Schutz des Wildes, unter anderem vor wildernden Hunden und Katzen. Landesjagdgesetze, hier das Bay. Jagdgesetz, regeln den Inhalt des Jagdschutzes. „Nach sorgfältiger Abwägung der Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit ist der Jagdausübungsberechtigte im Einzelfall befugt, sogar verpflichtet, wildernde Hunde zu erlegen, um das Wild zu schützen.“  Was viele Hundehalter nicht bedenken: bereits das Beunruhigen, Aufstöbern, Nachsuchen und Hetzen von Wildtieren ist „unerwünschtes Jagdverhalten“! Lässt man den Hund gewähren, ist der Grundstein für das Wildern gelegt!
Als Beutegreifer wird der Hund dieses, für ihn selbstbelohnendes Verhalten wiederholen, ausbauen und früher oder später Wild reißen. Hier ist der Hundehalter gefordert! Er hat dafür zu sorgen, dass sein Hund weder Menschen belästigt oder gefährdet, noch Tiere attackiert, hetzt, verletzt oder tötet! Entscheidend ist es, im Rahmen der Hundeerziehung jegliches Interesse des Hundes an Beuteobjekten rechtzeitig zu kontrollieren, zu regulieren und konsequent zu unterbinden. Hierbei werden dem Hund viel Zurückhaltung und Disziplin abverlangt.
Den notwendigen Ausgleich erfährt der Hund durch eine sinnvoll angewandte, artgerechte Beschäftigung, welche seine hervorragend ausgeprägten Sinne, insbesondere seinen Geruchssinn fordern. Eine Vielfalt von anwendbaren, leichten und schwierigen Aufgaben während eines Spaziergangs machen Hund und Mensch sehr viel Freude und lasten den „besten Freund“ aus. Er darf sich „gelenkt“ bewegen, seine Sinne einsetzen und am Ende steht immer eine Belohnung in Form von lobenden Worten,  Zuneigung und manchmal besonders feinen Leckerlis, für die es sich zu arbeiten lohnt. Suchspiele finden ausschließlich in enger Zusammenarbeit mit dem Hundehalter statt, nur dann sind sie zielführend.  Schnell bemerkt der Hund dass Frauchen oder Herrchen sich mit ihm beschäftigen, plötzlich interessiert er sich nicht mehr für die Wildwitterung sondern vielmehr für seinen Rudelführer, der ihn zu beschäftigen vermag. Jetzt bleibt er in seinem Umfeld, dreht sich ständig nach ihm um. Denn: keinesfalls darf er ihn verlieren, er könnte ja ein tolles gemeinsames Suchspiel versäumen.
Die Führerbindung steigt, der Hund wird aus jeder ablenkenden Situation durch Pfiff, Handzeichen oder Kommando abrufbar. Der Grundgehorsam funktioniert. Sitz, Platz, Bleib, bei Fuß angeleint oder unangeleint werden problemlos befolgt und hin und wieder belohnt. Der Hundehalter wird zum „Maßstab aller Dinge“. Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Hund und Mensch entsteht! Das Ziel ist erreicht, dem Hund die notwendige Bewegung, artgerechte Beschäftigung, Ausgeglichenheit und Lebensqualität zu ermöglichen und gleichzeitig das Aufstöbern, Nachsuchen, Hetzen und Reißen von Wildtieren weitestgehend auszuschließen. Nur unter diesen Voraussetzungen ist es erlaubt seinen Hund in freier Flur ohne Leine Auslauf zu gewähren, denn er ist aus jeder Situation abrufbar und orientiert sich ständig an seinem Menschen.
Dieser Weg ist angesichts der aufgezeigten Hundeproblematik ein möglicher und mit relativ wenig Aufwand auch ein gangbarer. Er ist für Hund und Mensch leicht erlernbar. Voraussetzung für den Erfolg sind der Wille, die Einsicht, Ausdauer und Konsequenz des Hundehalters. Sehr hilfreich ist die richtige Einschätzung möglicher „Gefahrensituationen“ in Abhängigkeit von der Jahreszeit (Setz-/Aufzuchtzeiten), der Tageszeit (Morgen-/Abenddämmerung), der Situation des Geländes (Wildeinstände/Wildwechsel) sowie  der Witterungsverhältnissen! Sind die Verhältnisse ungünstig, bleibt der Hund an der Leine! Hierzu werden für Hundeführer naturkundliche Wanderungen mit dem Hund angeboten. Jeder durch freilaufende Hunde verursachter „Wildunfall“ ist sehr bedauernswert. Als einzige Konsequenz Hunde künftig nur noch an der Leine zu führen, sowie weitere Gebiete mit „Leinenzwangverordnungen“ zu überziehen, werden die Problematik „unerwünschtes Jagdverhalten“ nicht lösen und sind mit dem Tierschutz nicht vereinbar. Soweit sollte es nicht kommen, nur weil wenige ignorante Hundebesitzer immer häufiger für Negativschlagzeilen sorgen.
Autor: Thomas Musil